die erste Begegnung.

20.07.2017

In der Nacht bevor mein Bruder Marian geboren wurde, hatte ich einen Albtraum. Ich weiß nicht warum, und obwohl es ein Albtraum war, hatte es mit einer Art Vorahnung zu tun. Eine die aber zum Glück anders wahr geworden ist. Ich träumte von meinem kleinen, neugeborenen Geschwisterchen, das keine Arme und keine Beine hatte. Eigentlich war es ein bloßer Fleischklumpen. Ein schlimmer Albtraum für eine 7-Jährige. Als ich dann morgens in aller Frühe aufwachte und in der Küche meinen völlig fertigen Vater traf, der mir sagte, mit dem Baby sei etwas nicht in Ordnung, riss es mir den Boden unter den Füßen weg. Diese Information war für mich quasi nicht zu verarbeiten, denn sie passte absolut nicht in mein Weltbild. Ich hatte mir doch alles schon so genau ausgemalt. Ich wusste genau, was ich meinem Geschwisterchen alles erzählen, zeigen, berichten wollte, was ich mit ihm spielen wollte, welche Wunder ich mit ihm entdecken wollte. Und jetzt war etwas nicht in Ordnung? Seit diesem Morgen habe ich Angst vor jeder möglichen Wahrwerdung meiner regelmäßigen Albträume. Mein Vater, der ja selbst erst einige Stunden darüber Bescheid wusste, dass das Baby höchstwahrscheinlich das Down-Syndrom hat und bis dato sowieso niemand genau wusste, was das überhaupt heißen könnte, konnte mir in seinem Zustand natürlich keine meiner Ängste nehmen. Der Moment, als wir ein paar Stunden später alle mit Tränen in den Augen im hellen Foyer der Krankenstation saßen, meine Mutter, mein Vater mein mittlerer Bruder und ich und meine Mutter mit ihrer warmen, alles gutmachenden Stimme fragte: "Wollen wir nicht zum Baby rein gehen? Es ist ganz süß!", ist bis heute einer der unwirklichsten Momente, die ich je erlebt habe. Denn ich hatte unfassbare Angst davor. Angst davor, im Kinderbettchen des Krankehauszimmers diesen geträumten Fleischkloß vorzufinden. Von dem Traum hatte ich zu diesem Zeitpunkt glaub ich noch niemandem erzählt. Aber natürlich gingen wir rein. Mit Schritten, die so schwer waren, dass man das Gefühl hatte, der grau-gestippelte Krankenhaus-PVC-Boden sei zu einer alles verschluckenden Gummimasse geworden. Und dann folgte auf diesen absolut unwirklichen Traurigkeitsmoment im Foyer einer der schönsten und sonnigsten Momente meines Lebens: die erste Begegnung mit Marian. Zu diesem Zeitpunkt hatte er noch nicht mal einen Namen, da sich meine Mutter ganz sicher war, dass es ein Mädchen wird. Und nun lag er dort im frischbezogenen Krankenhauskinderbettchen: Marian. Das süßeste, schönste, beste Baby der Welt und jede Sorge war für mich ab genau diesem Moment vergessen. So unsicher ich auch zuvor war - schon bei unserer ersten Begegnung wusste ich, dass das mit Marian etwas ganz besonderes, wundervolles, großartiges wird. Und ich wurde nicht enttäuscht.

 

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